Opium fürs Volk

29. Juni 2009

In Simulacra ist Dr. Superb der letzte noch praktizierende Psychotherapeut. Die A.G. Chemie, das in der USEA führende Kartell für den Vertrieb von Psychopharmaka hat eine Prohibition der Psychotherapie eingefordert um die Konkurrenz, die diese Methode für ihre Produkte darstellt, auszuschalten und das Volk mit Hilfe vonDrogen unter Kontrolle zu halten.

Auch wenn die Pharmaindustrie in den meisten Gebieten der Welt im 21. Jahrhundert wohl nicht ganz so viel Einfluss besitzt ist wie Phillip K. Dick sie in seinem Roman beschreibt, so geht doch eine ungeheure Macht von diesen Konzernen aus, die gezielt und skrupellos ihre Produkte auf dem Markt platzieren wollen.
Bis vor einiger Zeit lief die Strategie noch hauptsächlich von oben nach unten, d.h. es wurde versucht über Ärzte und Krankenhäuser, die mit kleinen Aufmerksamkeiten und finanziellen Unterstützungen zum Wohle der Patienten eingekauft wurden, eine Verbindung zum Endverbraucher auf zu bauen, die schließlich zu schlucken haben was der Herr im weißen Kittel ihnen verschreibt. Anstatt wie in Simulacra also den aggressiven Weg zu gehen und einen Berufszweig auszuschalten werden die jeweiligen Vertreter ihrer Zunft zu einem weiteren Glied in der Kette der Verkäufer rekrutiert.Die Beeinflussung beginnt bereits im Wartezimmer: Überall hängen Anzeigen, die den ängstlichen Patienten zu einer weiteren Impfung verführen wollen, Werbeprospekte, die hilfreiche Mittelchen für bessere Durchblutung und gegen Kreislaufprobleme anpreisen liegen zwischen Auto- Bild und der Gala. Noch besser getarnt sind die Anzeigen in den Heften selbst, die dem Stil der jeweiligen Zeitschrift angepasst werden und nur durch einen kaum lesbaren „Anzeige“ – Schriftzug von den restlichen Artikeln zu unterscheiden sind.
In diesen Anzeigen wird sich auf selbst ernannte Experten oder diverse Studien bezogen, die meist von dem jeweiligen Unternehmen selbst in Auftrag gegeben wurden und somit alles andere als objektiv sind.
Nun hat die Industrie hat eine weitere Möglichkeit entdeckt, Medikamente unters Volk zu bringen. Ob es an dem Gedanken liegt, die Ärzte und Therapeuten aus finanziellen Gründen zu umgehen oder weil es einfacher ist, sich direkt an den Konsumenten zu wenden, hat die Pharmaindustrie einen raffinierten Plan gefunden, wie sie ohne großes Aufsehen zu erregen ihre Waren direkt an den Endkonsumenten weiterreichen kann, mittels eigens initiierter bzw. finanzierter Selbsthilfegruppen.
Die Teilnehmer werden gleich zu Beginn ihrer Therapie an die Lösung ihrer Probleme in Kapseln dosiert herangeführt. Der Patient, der schon vertraut mit den ihm ans Herz gelegten Medikamenten ist fordert nun seinen Arzt auf, ihm diese zu verschreiben.
So werden auch die letzten Mediziner und Therapeuten umgangen, die ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Besuchern ernst nehmen.
Wohin der Mißbrauch solcher Drogen führen kann, ist derzeit bis ins kleinste Detail in der Boulevardpresse nachzuverfolgen.

Da es sich bei der USEA um einen totalitären Staat der sich hinter einer Scheindemokratie versteckt handelt, besitzt die Industrie, die direkt mit der Regierung Verbindung steht, natürlich einen weitaus größeren Spielraum zur Gewinnmaximierung als in einer real existierenden Demokratie.
Hier müssen immer wieder neue, subtilere Wege gefunden werden um ähnliche Resultate zu erzielen. Scheinbar erfolgreich.
JL

__
Quellen: swr.de


Aktuelles Beispiel für Webmanipulation

28. Juni 2009

Zur Veranschaulichung der im letzten Beitrag angesprochen Problematik der Webmanipulation gibt es nun ganz aktuell ein Beispiel im bereits erwähnten “Bildblog”:
Bildblog: Das Mediale Sterben des Michael Jackson

Es wird beschrieben, wie die Nachricht über einen (möglichen) Tod von Michael Jackson auf verschiedenen Online-Nachrichtenplattformen gehandhabt wird.

So berichtet Bild.de zunächst um 23.59 Uhr den Tod von Jackson:

Fünfzehn Minuten später ist diese Grafik jedoch verschwunden und folgende erscheint:

Anscheinend ist der Tod nicht gesichert gewesen. Nachdem schließlich die Nachrichtenagentur AP Jacksons Tod meldet, wechselt die Grafik um 1.09 Uhr auf eine für Bild.de recht typische Variante:

Auch auf RP-Online konnte man um 0:20 Uhr die vorsichtige Nachricht lesen, dass Jackson “wahrscheinlich” einen Herzstillstand erlitt, obwohl ein Kommentar zu dieser Nachricht um 0:01 Uhr nahelegt, dass RP-Online zu einem früheren Zeitpunkt den Tod von Jackson verlautbarte und die Nachricht schließlich änderte.

Wie man sehen kann, ist der Drang der Massenmedien immer als erstes eine Schlagzeile zu veröffentlichen sehr groß, auch wenn nicht klar ist ob diese denn stimmt. Das Mittel der Veränderung des Webinhaltes macht es den jeweiligen Betreibern sehr einfach möglich, voreilige Falschberichte zu verändern und somit eine Kompetenz vorzutäuschen.

___
Grafiken übernommen von: http://www.bildblog.de/9016/das-mediale-sterben-des-michael-jackson/


Zeit-Manipulationen bei Ubik und im Internet

25. Juni 2009

In der Welt von PKDs „Ubik“ gehören parapsychologische Phänomene wie Präkognition oder Telepathie zum Alltag der so genannten „Psis“. Diese Fähigkeiten werden zur Manipulation anderer Menschen benutzt oder von den Anti-Talenten zur Verhinderung dessen.
Man kann jeweils Talente für Geld mieten, wobei vor allem größere Unternehmen diese Dienstleistung in Anspruch nehmen um andere Firmen auszuspionieren und sich einen Vorteil davon erhoffen. Der Machtkampf befindet sich dabei in einem Kreislauf: Die eine Firma setzt Talente ein, die andere Anti-Talente und das gleiche anders herum, bis in die Unendlichkeit.

Die junge Pat Conley hat dabei ein außergewöhnliches Talent: sie kann Geschehen in der Vergangenheit verändern, sodass sich automatisch die Gegenwart ändert. Es handelt sich hierbei um keine Zeitreise im klassischen Sinne, da sie nicht zurückreist und auch nur die Vergangenheit manipulieren kann, an die sie sich erinnern kann.
Pat Conley ist nach solch einer Veränderung der Zeit, die einzige die sich an eine alternative Vergangenheit und demnach auch Gegenwart erinnern kann.

Dieses Phänomen dringt dabei sehr stark in den Erzählstil von Philip K. Dick ein. Denn der personale Erzähler aus der Sicht des Hauptprotagonisten Chip kann nur das wiedergeben, was gerade in der Gegenwart passiert. Ein Beispiel:
Chip und Pat stehen im Büro ihres Bosses. Laut dem Fluss der Erzählung haben sie zu diesem Zeitpunkt nur eine Affäre über eine längere Zeitspanne miteinander. Plötzlich jedoch stellt Chip seinem Boss seine „Frau“ Pat vor, ohne dass jemals geklärt wird, weshalb sie nun seine Frau ist, wann sie geheiratet haben oder woher der Ring am Finger herkommt.
Keinem, außer dem Leser fällt somit auf, dass eine Manipulation der Zeit stattfand. Diese Erzählweise bringt somit nicht nur eine Wendung des Plots mit sich, sondern dient auch der Schärfung des Sinnes des Lesers, da er hinter jeder Veränderung eine Manipulation vermuten kann.

Um eine Analogie dieser Vergangenheits/Gegenwarts-Manipulation zu unserem Alltag zu schlagen, muss man sich nur das Medium Internet genauer betrachten. Dort findet solch eine Manipulation wahrscheinlich alle paar Minuten statt:
Denn das Internet bzw. die Webseiten haben die Eigenschaft, dass sie jederzeit veränderbar sind. Verfasst zum Beispiel ein Online-Redakteur eine Nachricht mit einer Unwahrheit, kann er diese schon am nächsten Tag beseitigen. Spricht man den Autor auf diese Unwahrheit an, beruft er sich auf seine Seite, in der nun natürlich kein Fehler mehr enthalten ist. Der nicht forschende Leser hat dabei nicht die Möglichkeit, wie beim Fernsehen oder einem Buch, sich auf eine ältere Version zu beziehen die einen Mangel vorweist. Er ist somit immer der Ausgelieferte, der dem Online-Autor glauben schenken muss, dass der geschriebene Artikel mit dem intendierten Text übereinstimmt. Wie bei Dick wirkt sich die Manipulation des in der Vergangenheit geschriebenen so direkt auf die Gegenwart aus. Jedoch fällt die Manipulation nicht auf, nur der Verfasser weiß bescheid.
Etliche Vorfälle dieser Art sind unter anderen im Blog “Bildblog” dokumentiert, der neben Unwahrheiten im deutschen Zeitungswesen auch Manipulationen im Web behandelt.

Eine ähnliche Form der Manipulation findet weiterhin bei Online Enzyklopädien statt, wie zum Beispiel bei der bekanntesten: Wikipedia.
Jeder Nutzer darf anonym Beiträge beisteuern und verändern, egal ob zielgerichtet Unwahrheiten, politische Aussagen oder moralische Ideologien verbreitet werden. Zwar kontrollieren Benutzer und Administratoren die einzelnen Artikel und stellen diesen z.B. auf einen „besseren“ Zustand zurück. Jedoch kann niemals verhindert werden, dass zufällig jemand auf einen Artikel stößt, der nur einige Minuten vorher im negativen Sinne manipuliert wurde und somit im Irrglauben verweilt, dass er auf ein allgemeines Wissen stößt, welches von vielen Leuten der Welt zusammengetragen wurde. Dass Wikipedia eine unseriöse Quelle darstellt, wird dabei im Hinblick auf den Komfort und das reiche Angebot an „Wissen“ oft heruntergespielt.

Die Popularität von Wikipedia bietet dabei natürlich ein herrliches Feld zur Manipulation von Wissen. Durch eine IP-Software wurden so zum Beispiel Eintragsmanipulationen von Computern des Vatikans nachgewiesen: Passagen über einen nordirisch-katholischen Politiker wurden gelöscht und somit Hinweise auf eine mögliche Beteiligung eines Mordanschlags. (Quelle)
Auch etliche Firmen verändern Einträge zum Ungunsten von Konkurrenten, die sich dann revanchieren: ein Machtkampf ohne Ende wie in der Welt von Ubik entsteht.

Eine Anmerkung: Auch dieser Blog kann manipuliert sein. Da sich fünf Personen hier einloggen können, kann jemand heimtückisch den Eintrag des anderen manipulieren, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht wurden auch die Entstehungsdaten der Einträge nachträglich verändert um der zeitigen Abgabe in diesem Semester gerecht zu werden. Wer weiß…

V.S.


UBIK manipuliert. Dich.

23. Juni 2009

.
Was ist UBIK?

Das ist eine ziemlich gute Frage, die man auch nach dem Lesen des gleichnamigen Romans nicht wirklich beantworten kann. Ganz sicher ist nur, dass Philip K. Dick seinem Werk diesen Titel verliehen hat, wahrscheinlich um den Zuschauer während dem Lesen im Regen stehen zu lassen. Der Arbeitstitel des Romas lautete übrigens: „Death of an Anti-Watcher“ (S.7, Vorwort).

Die Wahl des Titels macht einen zunächst sehr stutzig, denn in den ersten 10 von 17 Kapiteln kommt das Wort „Ubik“ in der eigentlichen Handlung nicht vor.
Zu Beginn jedes Kapitels gibt es jedoch eine Art Zitat und Werbespruch, in der „etwas“, nämlich Ubik, als „Allheilmittel“ für jegliche Dinge dargestellt wird:

„Freunde! Wir räumen – und verschleudern alle unsere geräuschlosen Elektro-UBIKS zu einem Spottpreis. Ja, wir werfen sie förmlich weg. Und denken Sie daran: Jeder unserer UBIKS ist nur nach Vorschrift verwendet worden.“ (S. 15)

„Starten sie in den Tag mit einem Teller gesunder, wohlschmeckender UBIK-Flocken – jetzt noch knuspriger! Hmmm … ein Genuss bis zum letzten Löffel. Pro Mahlzeit nicht mehr als angegeben zu sich nehmen.“ (S. 249)

Mit dem Titel und diesen Sprüchen konfrontiert erwartet man nun als Leser, dass schlussendlich aufgeklärt wird, was denn Ubik nun sei. Diese Frage bleibt zunächst unbeantwortet und allein diese Tatsache verändert schon den Stil des Lesens. Man achtet stärker auf die Unregelmäßigkeiten in der wirren dargestellten Welt und glaubt in jeder Abnormalität eine Lösung auf diese Frage zu sehen.
Man wird aber getäuscht: Eine Antwort darauf wird immer weiter nach hinten verschoben. Im zehnten Kapitel taucht schließlich erstmals in der Geschichte dieses Ubik auf und man bekommt eine erste Lösungsmöglichkeit: Es ist eine Art Spray, welches Verfallsprozesse rückgängig machen kann. Doch auch diese Definition wird über den Haufen geworfen. Ubik wird nun als Salbe, als Glas mit verschiedenen Inhaltsstoffen und dann wieder als Spray bezeichnet, bis man am Ende auf folgenden Werbespruch stößt:

„Ich bin UBIK. Ich war, bevor das Universum war. Ich habe die Sonnen und die Welten gemacht. Ich erschuf das Leben und das Land für das Leben. Ich lenke es hierhin, ich lenke es dorthin. Es bewegt sich nach meinem Willen, es tut, was ich sage. Ich bin das Wort und mein Name wird niemals ausgesprochen, der Name, den niemand kennt. Ich werde UBIK genannt, aber das ist nicht mein Name. Ich bin. Ich werde immer sein.“ (S. 265)

Wie bitte? Erst hier stellte ich fest, inwieweit diese Werbesprüche, die Dick an den Anfang jedes Kapitels stellte, mich beim Lesen manipuliert und in die Irre geführt haben. Ich unterlag der Täuschung, dass die Worte und Sprüche im Buch in irgendeiner Weise zum Erzählen oder Erklären der Geschichte gehören, da sie ja ausdrücklich auf die Geschichte verweisen, wie z.B. das Wort UBIK oder die Form der Werbebotschaft, wie sie auch in der Handlung vorkommt. Doch weit gefehlt.
Diese Sprüche dienen wohl einzig der Manipulation, die Dick beim Leser zu erreichen versucht. Denn wenn ihm das gelingt wird, dann wird uns klar, dass wir letztendlich dem Erzähler geglaubt und eine logische Geschichte erwartet haben. Da Dick jedoch keine konventionelle Geschichte erzählen wollte, ist man auf ein Versprechen reingefallen, das wir selbst erschaffen haben. Eine Antwort auf die Frage was UBIK ist, war nie intendiert.

V.S.


Nanny

13. Juni 2009

Philip K. Dicks Kurzgeschichte „ Nanny“ ist ein weiteres Beispiel für Manipulation im Alltag. Dick kreiert hier eine Welt, in der Roboter, sogenannte Nannys, die Erziehung von Kindern übernommen haben. Sie leben mit den Familien im Haushalt und übernehmen praktisch alle Aufgaben. Die Eltern sind dankbar und die Kinder lieben diese Maschinen. Es scheint, als habe jeder in dieser Welt eine solche Hilfe zu Hause.
Man wird schnell an die „käferähnlichen orangefarbenden Wesen“ aus „Simulacra“, Papoolas, erinnert. Auch sie sind Wesen, die jeder mag, aber hinter denen eine üble Werbestrategie steckt. Sie manipulieren die Menschen, indem sie mit ihrem süßen Auftreten und schmeichelnden Worten die Menschen zu einem Raumschiffkauf „überreden“. Den Menschen in Simulacra ist bewusst, dass sie manipuliert werden (s. S. 64) und dennoch können sie sich nicht wehren und kaufen sich doch ein Loony Luke Raumschiff zum Mars.
Ganz ähnlich ist die Situation in „Nanny“. Auch hinter diesen, auf den ersten Blick so nützlichen Helfern im Alltag, steckt ein großes Vermarktungsprojekt, welches die Familien dazu bringt, sich immer wieder ein neues, besseres Modell zu kaufen.
Diese Kindermädchen haben nämlich einen großen Nachteil: Sie bringen sich gegenseitig um. Treffen zwei Nannys aufeinander, vergessen sie alle ihre Aufgaben und konzentrieren sich nur noch auf das andere Modell. Sie kämpfen miteinander, bis das schwächer gebaute Modell kaputt ist.
So kommt es nun auch in der von Dick beschriebenen Familie. Sie haben ein etwas älteres Modell, mit dem sie eigentlich sehr zufrieden sind. Doch es kommt zu einem Kampf mit einem anderen größeren Modell, wobei das der Familie stark beschädigt wird. Der Familienvater glaubt zuerst an einen Unfall und möchte es reparieren lassen. In der Werkstatt wird ihm sofort ein neueres Modell angeboten, doch er beharrt auf der teureren Reparatur. Die alte Nanny kann allerdings nicht mehr wieder voll hergestellt werden und schon beim nächsten Kampf mit einem noch größeren, orangefarbenden Modell „stirbt“ es. Daraufhin beeilt sich der Vater eine neue Nanny zu kaufen. Er kauft sich ein sehr teures Modell, mit „Hochgeschwindigkeits- Scherenklaue plus Fernbedienung“, welches in „nur fünfzehn Sekunden nach dem Einschalten kampfbereit“ ist. Dem Vater ist vollends bewusst, mit was für einer Verkaufstrategie er es hier zu tun hat. Er spricht den Verkäufer sogar darauf an, wirft ihm vor, dass die Firmen jedes Jahr noch größere, kampftauglichere Modelle bauen, um den Markt letztendlich zu beherrschen. Doch dieses Wissen hält ihn nicht davon ab, auf die Verkaufsstrategie einzugehen. Er unterliegt dem allgemeinem Zwang, ganz wie die Käufer eines Loony Luke Raumschiffes den Papoolas unterliegen.
Es handelt sich um eine ganz offensichtliche Manipulation gegen die sich die Menschen anscheinend nicht wehren können. Es gibt für sie keine Ausweichmöglichkeit oder Alternativen, wenn sie einmal im „Verkaufsnetz“ gefangen sind.
In „Nanny“ kommt allerdings noch ein weit kritischerer Punkt hinzu. Die Kindermädchen führen einen Krieg untereinander, sind also im Grunde Waffen. Sie kämpfen gegen eine Nanny einer anderen Familie. Der Wettbewerb zwischen den Firmen wird zu einem Wettbewerb zwischen den Familien, man kann es fast schon als ein Krieg bezeichnen. An der Reaktion des Vaters, und auch der anderer (am Ende der Geschichte wird eine weitere solche Situation beschrieben), merkt man, dass es sie persönlich wütend macht. Aber nicht, wie man annehmen sollte, auf die Firmen, sondern auf die besseren Modelle anderer Familien. Es geht nur noch darum, wer wen besiegen kann. Die ursprüngliche Idee eines Kindermädchens wird vollkommen vernachlässigt und die neuen Modelle rein nach Kampftauglichkeit ausgesucht.
Während die Papoolas in „Simulacra“ die eher harmlose Idee des Auswanderns zum Mars verkörpern, beginnen die Nannys einen Krieg.


Faith of our fathers

8. Juni 2009

Philip K. Dicks Kurzgeschichte „Glaube unserer Väter“ von 1967 beschreibt ein durchgehend vom Staat bestimmtes und beobachtetes gesellschaftliches Leben und weist dabei nicht zuletzt auffallende Parallelen zu „Simulacra“ auf.
Gesetze, Vorschriften, Anweisungen prägen den Alltag. So riskiert beispielsweise ein Bußgeld, wer sich weigert, von einem Kriegsheimkehrer Waren zu kaufen. Dabei handelt es sich bei diesen Waren um höchst zweifelhafte Arzneien, Kräuter und Drogen, die noch zweifelhafteren Zwecken dienen sollen.
Umfassend ist auch die Kontrolle der Studenten, bei denen Gesagtes und Geschriebenes daraufhin überprüft wird, „ob es mit der gegenwärtigen Weltsicht der Partei übereinstimmt“ und deren Aufsätze entsprechend streng gelesen werden. Besonders auf die rebellische amerikanische Jugend mit ihrem „Talent zu arglistiger Täuschung“ hat man ein Auge geworfen.
Ob abgehörte Videofone oder Monitorvorrichtungen, die den Fernsehzuschauer beobachten, Dicks Figuren sind nie ganz für sich alleine. Als der Protagonist Chien einmal die verpflichtende Ansprache des Führers im Fernsehen missachtet, wird er sogleich vom Hauswart angewiesen, sich auf den Bildschirm zu konzentrieren. „Was immer der Führer zur Sprache bringt, betrifft auch Sie“, lautet die Entgegnung auf Chiens Einwände. Der Staat bestimmt hier die Interessen seiner Bürger.
Es gibt jedoch noch direktere Formen der Manipulation. So ist das Trinkwasser der gesamten Bevölkerung mit Halluzinogenen durchtränkt und Amphetamine werden verabreicht. Mit der entsprechend erschwerten Unterscheidung zwischen Einbildung und Realität wird auch Chien konfrontiert.
Die staatlich verordnete Behandlung der eigenen Bevölkerung mit Drogen lässt gleich an Dicks Roman „Simulacra“ denken, wo die Medikamente die Psychotherapie ersetzen sollen. Die Kurzgeschichte wiederholt noch weitere Ideen des Romans, so das selbsttätige Einschalten des Fernsehers, der daraufhin eine Ansprache des Führers zeigt, vergleichbar mit den entsprechenden Sendungen über Nicole in „Simulacra“. Auffallend sind hier auch die Parallelen zu entsprechenden Selbstinszenierungen in der Wirklichkeit, z.B. eines Hugo Chavez.
Wie in „Simulacra“ ist auch in „Glaube unserer Väter“ der Bevölkerung vieles zur Gewohnheit geworden, die Fernsehansprachen wie die ständige Beobachtung durch den Staat. In beiden Texten reagieren die Menschen mit Verdrängung und Resignation. So ist sich Chien Manipulationen durchaus bewusst, jedoch entspannt ihn der Gedanke gar, ohnehin ständig beobachtet zu werden, wie ihn auch die Anwesenheit der Polizei beruhigt. Als er zum Empfang des Führers eingeladen wird, wünscht er sich vorübergehend, seine Halluzinationen behalten zu dürfen, anstatt die Wahrheit über den Herrscher zu erfahren. Somit erinnert Chien hier an die zahlreichen Figuren in „Simulacra“, die sich mit der Regierung arrangiert haben, obgleich ihnen die Unterdrückung bekannt ist. Besonders deutlich wird dies, als Tanya Lee ihm das Ausmaß der staatlichen Beeinflussung vor Augen führt. Sie erschüttert damit „eine jahrelange Gewissheit“ und dennoch gewinnt Chien sogleich seine Gelassenheit zurück, wohl auch, weil bei ihm das Karrieredenken im Vordergrund steht, ganz ähnlich den Brüdern Strikerock in „Simulacra“. Auch andere Figuren wie Kongrosian und Ian Duncan finden in „Glaube unserer Väter“ ihre Entsprechung, und zwar in einer Frau, die vor ihrer ersten Begegnung mit dem Führer ganz aufgeregt nach ihrer Frisur fragt, vergleichbar mit Ian Duncans Verhalten gegenüber Nicole. Nicole wiederum findet ihr Pendant im Führer selbst, der den Titel „unumschränkter Wohltäter des Volkes“ trägt. Er ist zudem bereits 120 Jahre alt, ein ähnlich hohes Alter nehmen die Menschen in „Simulacra“ auch von Nicole an, im Unwissen, dass es sich nur um wechselnde Schauspielerinnen handelt. Auch das Aussehen der höchstens Repräsentanten ist in beiden Texten bedeutend. Ist die Schönheit Nicoles Bestandteil der Manipulation, so wird das Aussehen des unumschränkten Wohltäters für Fernsehauftritte Korrekturen unterzogen, die seine angeblich weiße Herkunft verschleiern, „aus ideologischen Erwägungen“.
Als Chien den Führer tatsächlich trifft, vernimmt er dessen Stimme aus dem Inneren seines eigenen Kopfes. Bei Philip K. Dick ist das eigene Bewusstsein somit nie sicher vor äußerem Eindringen, in „Simulacra“ zielte die Wirkung der Papoolas direkt auf die Gedanken.
Auffallend ähnlich funktioniert die Politik in „Simulacra“ und in „Glaube unserer Väter“. Regierung und Opposition, bzw. Partei und Anti-Partei sind jeweils dieselben. Hier Goltz, der sowohl den Rat als auch die Sons of Job leitet, dort der unumschränkte Wohltäter, der ebenfalls beide Seiten selbst ins Leben rief. Nie lassen sich die Machtstrukturen auf den ersten Blick erfassen und Chiens Bedenken, ob Tanya Lee womöglich nur ein Test der Regierung ist, sind bei all diesen Verwirrungen nicht unbegründet.
In beiden Texten funktioniert die Gesellschaft in hierarchischen Macht- und Wissenszirkeln. Die Teilung in Ges und Bes aus „Simulacra“ setzt sich in der Kurzgeschichte fort, wenn nur Eingeweihte den Namen des Führers kennen und bestimmte sprachliche Ausdrücke („pol-lesen“) nur von diesen verwendet werden. Gemeinsam ist auch die Tatsache, dass die Manipulation und Täuschung immer noch umfassender sind, als es selbst hochrangige Regierungsmitarbeiter vermuten. In „Glaube unserer Väter“ geht die Überforderung Chiens mit der Wahrheit so weit, dass er sie verdrängen muss; das Erlebte wird zur Halluzination erklärt und der Glaube an den Führer bleibt ohne Alternative. L.


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.